Tatort Stuttgart

Stadtführungen kennt jeder von uns. Mal geht’s um Architektur (Alts Schloß, Weißenhofsiedlung), mal dreht sich alles um Geschichte (Schwaben, div. Könige). Führungen sind oftmals seht informativ, dann auch wieder weniger interessant. Für den Samstag, den 13. Mai 2017, hatte der Frauenclub eine etwas andere Tour durch Stuttgart gebucht.

Das Thema war „Tatort Stuttgart – Verbrechen, die Stuttgart erschütterten“.

Hans-Peter Schühlen

Mord und Totschlag kennt man meist nur aus Romanen oder als „Tatortkrimi“ aus dem Fernsehen.
Der Kriminalhauptkommissar a.D. Hans-Peter Schühlen erzählte auf launige Art über spannende Fälle aus seiner Tätigkeit bei der Stuttgarter Kripo und stellte dabei klar, daß die Realität nichts mit den Filmen zu tun hat. Aus dem Blickwinkel des Insiders berichtete er von spektakulären Fällen seines Berufslebens bzw. aus der Zeit davor.

 

 

Marquartbau

Er begann mit einem Fall, der am 1. Okt. 1967 seinen Anfang nahm, kurz nachdem ein junges Paar ins Kino im Marquartbau ging. Kurz nachdem die Beiden im Gebäude waren, wurde die Frau an der Kasse überfallen und mit einer Pistole bedroht. Der junge Mann wollte der Frau helfen, wurde aber von dem Räuber erschossen. Worauf dieser flüchtete. Die Arbeit der Polizei gestaltete sich von Anfang an sehr schwierig. Die Spuren führte über einen gestohlenen Kosmetikkoffer über einen Campingplatz in der Schweiz zu einem Raubüberfall nach Paris. Die dabei festgestellten Spuren führten dabei nach Stuttgart und hatten zur Folge, dass der Täter nach Verbüßung seiner Haft in Frankreich nach Stuttgart ausgeliefert, dort angeklagt und verurteilt wurde. Daß diese Menschen anders ticken verdeutlicht die Tatsache, daß der Häftling 3 Monate vor Ablauf seiner Strafe flüchtete und bis heute untergetaucht ist.

Alter Bahnhof in der Bolzstrasse

Eine andere Geschichte war das Zugunglück  im alten Stuttgarter Bahnhof in der heutigen Bolzstraße.
Am 28. Oktober 1908 fuhr der Schnellzug D 38 von Berlin nach Zürich verspätet, mit überhöhter Geschwindigkeit und bei Glatteis in den Bahnhof ein. Die Lok überfuhr den Prellbock und kam erst im Bahnpostbüro zum Stehen. Dort wurde ein Mitarbeiter verletzt, die anderen konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Da nur die Lokomotive, nicht die Wagen entgleisten, wurde eine andere Lok beschafft und die Fahrt konnte  fortgesetzt werden. Als sich die für die Steigungen der Gäubahn erforderliche Schiebelokomotive im Bahnhof Stuttgart West hinter den Zug setzen wollte, tat sie das mit zu viel Schwung: Dessen letzter Wagen entgleiste. Vermindert um diesen letzten Wagen setzte der Zug seine Fahrt nach Zürich fort. Ein Passagier dieses Zuges war der Großvater von dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizäcker.

Ernst August Wagner

Das Grauen packte einem bei der Erzählung über den ersten Massenmord am 3. Sept. 1913 im Lande.
Ernst August Wagner genießt mit seiner Frau und den vier Kindern den lauen Spätsommerabend. Doch die Idylle trügt: Er hat seit Jahren einen grausamen Plan im Kopf, den er an diesem Abend in die Tat umsetzen wird. Mit einem Totschläger und einem Messer ermordet er seine Frau und seine vier Kinder. Dann greift er zur Pistole und holt aus dem Keller den mit Munition vollgestopften Rucksack. Er schwingt sich auf sein Rad, fährt nach Stuttgart und von dort mit dem Zug weiter nach Mühlhausen bei Vaihingen/Enz. Um Mitternacht zündet er die Ortschaft an vier Ecken Häuser an. Er versteckt sich, die Pistole im Anschlag. Er wartet, bis die Menschen vor den Flammen flüchten und schießt dann wahllos auf die Fliehenden. Er tötet zwölf Menschen, acht weitere werden schwer verletzt. In derselben Nacht wird Wagner überwältigt und ins Gefängnis nach Heilbronn gebracht. Ermittler finden in seinem Haus in Degerloch Wagners Tagebuch. Dort beschreibt er detailliert seinen grausamen Plan, der mit dem Blutbad in Mühlhausen für ihn noch nicht beendet war.
In Ludwigsburg wollte er weitermorden. Er hatte vor seine Schwester und deren Familie ebenfalls auszulöschen. Sein eigenes Leben wollte Wagner zum Finale beenden – inszeniert wie in einem schlechten Hollywoodstreifen: Das Ludwigsburger Schloss wollte er anzünden und danach im Bett des Herzogs Carl Eugen die Waffe gegen sich selbst richten.
Vor dem Landgericht in Heilbronn wird Wagner der Prozess gemacht. Schnell sind sich die Gutachter einig: Wagner leidet an Verfolgungswahn. Zwei voneinander unabhängige bestätigen dies.
Jahre zuvor hatte sich Wagner in Mühlhausen an einer Kuh vergangen. Er war überzeugt davon, so die psychologischen Gutachter, dass allen Mühlhausenern das schreckliche sexuelle Abenteuer bekannt gewesen sei. Spätere Zeugenaussagen widerlegten jedoch diesen Verdacht Wagners.
Die Psychologen stuften den Degerlocher Lehrer als nicht zurechnungsfähig ein. Erstmals wurde damals in der Württembergischen Geschichte ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt. Ernst Wagner wurde am 4. Februar 1914 in die Heilanstalt Winnentahl eingeliefert und verstarb dort 1938.

bei der Erklärung des Firnhaber-Brandes

Neu für uns war, daß die Mordkommission auch für die Aufklärung von Brandstiftung ist.
So versuchte am 22. Juni 1992 ein wahnwitziger Kneipier seine finanzielle Lage durch Versicherungsbetrug zu verbessern. Er schüttet 60 Liter Benzin in seinem Lokal aus und zündet sie an.
Damit verursacht er den größten Nachkriegsbrand in der Stuttgarter Innenstadt und vernichtet auch die gesamten Firnhaber-Verkaufsräume mit ca. 6.000m². Firnhaber stand über Nacht ohne Verkaufshaus da.
Der „Kommissar Zufall“ half auch hier, denn mit Hilfe der gefundenen, metallenen Benzinkanister wurde letztlich ermittelt, dass die Besitzer der  Kneipe im Erdgeschoß des Möbelgeschäftes das Gebäude selbst angezündet hatten, um durch einen großen Versicherungsbetrug (Brand) ihre riesigen Geldsorgen los zu werden.
Der Sachschaden wurde auf ca. 50 Mio. DM geschätzt.

Flammendes Inferno – Firnhaber-Brand

das ehem. 1. Polizeirevier

Ein für die Stuttgarter Polizei war ein sehr tragischer Fall von Polizistenmord am 6. Nov. 1977.
An diesem Tag wurde der Polizeimeister Peter BLASCHKE  auf dem damaligen 1. Polizeirevier von einem Autofahrer, dem man in der vorangegangenen Nacht den Führerschein wegen Alkohols am Steuer abgenommen hatte, erschossen. Der Antiquitätenhändler tat  rasend  vor Wut  an nächsten Morgen diese fürchterliche Tat

Marktplatz – eines der Brandhäuser

Der Abschluß der Krimitour fand auf dem Marktplatz statt. Die Geschichte drehte sich um den Brandstifter Erich Haas.
Dies war der größte damalige Brandstifter in Europa. In Stuttgart hat er 66 Brände gelegt, davon allein
10 rund um den Marktplatz. Leider kam eine Person am Marienplatz ums Leben. Bei seiner abgegebenen Lebensbeichte gab er insgesamt 230 Brände in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich zu. Dafür erhielt er eine Strafe von 15 Jahren Haft plus anschließender Sicherheitsverwahrung.

Nach so viel Spannung und interessanten Anekdoten war allen klar, daß Stadtführungen auf diese Art etwas besonders sind.