„Die Schwaben – Mythos oder Marke“

„Wir können älles, außer Schwäbisch“

  Als schwäbischer Verein war es für den Frauenclub selbstverständlich die Ausstellung „Die Schwaben – zwischen Mythos und Marke“ zu besuchen. Am Samstag, den 18. März 2017 fuhr man mit der S-Bahn (man sparte 3 € am Eintritt) nach Stuttgart um sich anzuschauen, wo die Schwaben herkamen, was sie ausmacht, was sie sind und was alles von ihnen gemacht wurde. Man sagt auch: „Was älles uf onserer Miste gwachsen isch“.

Witze gibt es viele, manche treffen zu, manche sind allerdings auch überspitzt. Wie diese hier:
Woran erkennt man ein Kreuzfahrtschiff voller Schwaben schon auf zehn Seemeilen Entfernung? – Daran, dass keine Möwen darüber kreisen.
Oder dieser hier:
Kommt ein Freiburger in ein Restaurant und Platz ist nur noch am Tisch eines einsamen Schwaben. Der Badener grüßt, setzt sich, wünscht guten Appetit, der Schwabe schweigt grimmig und kaut sein Mahl. Da betritt eine Frau vom Badischen Roten Kreuz mit Sammelbüchse den Raum, der Einheimische lässt spendabel zwei Münzen springen. Der Schwabe dagegen wehrt ab und brummt: “Mir g’höret z’amme.”

Was ist typisch schäbisch?   Zwei Beispiele im Bild:

Kutterschauffel für dr Kehrwoch
Spätzlespress firs Nationalgericht

 

Armer Schwabe. Die Welt lacht über ihn. Oder mokiert sich. Oder hasst ihn sogar.
Wie in Berlin, wo Denkmäler (einer Ostpreußin!) mit Kässpätzle beworfen werden oder im Prenzlauer Berg, wo Schwaben es gewagt haben, sich in größerer Zahl niederzulassen. „Wir sind ein Volk – Ihr seid ein anderes”, sprühte man an ihre Häuser, mit Wegweiser: nach Stuttgart 605 km.
Womit haben die Schwaben das verdient, was haben sie den Leuten getan? Und – wer sind sie überhaupt: „Die Schwaben”?
Solche Fragen martern keinen so sehr wie die Schwaben vom Dienst – die Württemberger.

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Weshalb mitten in der Landeshauptstadt, die immer noch mehrheitlich die ihre ist, im Alten Schloss die Große Landesausstellung gezeigt wird, die endlich einmal all das klären soll und will: Wer sind wir und wenn ja, wie viele? Wo kommen wir her, was denken die Leute über uns, und muss uns das eigentlich kümmern, oder kann es uns egal sein?
Denn, bitte, man könnte ja auch stolz sein. Daimler, Bosch, Porsche, Kärcher, Würth, Trumpf und Stihl halten die Exportwirtschaft nicht nur Württemberg, sondern die ganze Republik mit auf Trab.
Wüstenrot und Schwäbisch Hall leihen uns das nötige Geld fürs Häuschen. Märklin und Steiff kennt jedes Kind; Hegel und Schiller, Einstein und Kepler, Hesse und Mörike jeder gebildete Geist. Und nicht nur am Neckar wirkt und wirbelt unser Völkchen – nein, es globalplayert in aller Welt: Ein Schwabe hat die Hollywood Studios aufgebaut, Carl Laemmle. Ein Schwabe trainierte die amerikanischen Fußballer, Jürgen Klinsmann. Und jeder zweite schwäbische Mittelständler hat in Schanghai oder Sydney sein Fabrikle oder Joint Venturle. Wir können einfach alles.
Außer Hochdeutsch. Und damit beginnt eventuell das Problem. Denn wer so daher schwätzt, wie es der Schwabe angeborenermaßen nun einmal tut, der hat im Rest der Welt einiges auszuhalten.
Die Bayern haben ihr Bairisch und die Menschen vom Oberrhein ihr Alemannisch, Kölner klönen Kölsch, Berliner baalinern, und den Hamburger erkennt man am näselnden Ton. Aber wer zur Erdbeermarmelade Breschdlengsgsälz sagt und Grommbira zur Kartoffel, wer seinen Palast Häusle nennt, den Straßenkreuzer davor Autole und den Elf-Millionen-Einwohner-Staat drumherum Ländle, der ist vielleicht der Außenwelt schon etwas suspekt.
Aber halt: Stimmt das und vieles andere denn auch alles? Natürlich nicht, jedenfalls so nicht. „Es gibt ja kaum eine Volksgruppe über die so viele Klischees im Umlauf sind und die so rasch in eine Schublade gesteckt wird, wie die Schwaben.”

Selbstverständlich kommen Ressentiments auch aus Baden.
Denn wer es noch nicht gewusst hat, der sei daran erinnert, und es muss gesagt sein: Auch Badener sind Schwaben. Nicht nur aus der Perspektive unwissender Berliner oder pauschalisierender Schweizer, sondern historisch verbürgt. “Die selbstbezogenen Badener irren. Die emotionale Abstoßungsreaktion gegenüber allem Schwäbischen vernebelt die Sinne und macht geschichtsvergessen. Das einstige Herzogtum Schwaben hielt 350 Jahre und reichte vom Ammersee im Osten bis zu den Vogesen im Westen und von der nördlichen Ortenau bis hinunter zum Gotthard im Süden. Rein rechtlich bestand das Herzogtum sogar bis 1806, als Feldherr Napoleon Mitteleuropa neu sortierte.

Noch ein paar Anmerkungen  zu Dingen, die Nichtschwaben verwundern:
So steht im katholischen Oberschwaben die Welt zur Fasnetszeit Kopf, im protestantisch geprägten Unterland schüttelt man denselben nur darüber, verständnislos und fast sittlich angewidert.
Auch das platteste aller Schwabenklischees, die Kehrwoche, ist nicht etwa bloß jener pseudoreligiöse oder militärische Reinlichkeitsfimmel. Sondern sie hat durchaus ihre rationale, gar soziale Komponente, wie die Ausstellung beweist. Auf dem Land ist sie so gut wie unbekannt, wo die meisten eigene Höfe oder Häusle bewohnen. In den Städten dagegen, wo im 19. Jahrhundert die Bevölkerung und Industriearbeiterschaft in neumodischen Miet- und Eigentumswohnungen unterkam, bedeutete die Kehrwoche einfach eine hausgemeinschaftliche Lastenteilung nach Plan. Und egalitär war sie dazu, da es, wie man erfährt, sich nicht schickte, dafür Bedienstete oder Facility Manager einzuspannen. Das war zu teuer.
So kam – und kommt – man auf dem Trottoir vorm Haus oder im Treppenhaus ins Gespräch mit dem lieben Nachbarn und durchbricht die Anonymität der Wohnblocks. Dass das je nach handelnder Person auch in “demonstratives Putzen” ausarten kann oder, wie treffend zitiert wird, “eine ausgeprägte Erwartungshaltung der Nachbarschaft hinsichtlich Umfang und Intensität der Reinigungsarbeiten” besteht, das versteht sich.

“Wie viel Schwabe steckt in mir” – das haben auch die Ausstellungsmacher Menschen in Fußgängerzonen gefragt, ihnen zwei Messbecher mit Linsen in die Hand gedrückt und das Ganze gefilmt. Herauskam eine unterhaltsame Serie von Selbstreflexionen und prozentualem Linsenwiegen, bei der der Betrachter selbst ins Grübeln kommt.

Der Clou der Ausstellung ist – aus integrationspolitischer Sicht – das schwäbische Sprachlabor. Hier kann der Besucher, wenn er Schwabe werden will und nicht schon ist, lernen, warum “Des kosch de Hasa gä” ein wichtiges Idiom im schwäbischen Erfinderalltag ist (das taugt nichts), warum ein Muggabadscher im Sommer gegen Mücken gute Dienste leistet, dass der Endaklemmer (Geizkragen) selbst im Schwabenland kein angesehener Mensch ist und wie die Einheimischen sagen, wenn sie zum Ausdruck bringen wollen, dass früher einmal alles besser gewesen sei: “S’isch nemme des, was mr ghett hend, wo mr’s ghett hend.

No wär des au’geschwätzt.